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08.06.2012 rss_feed

Umweltrede des Präsidenten

Gauck Joachim Bundespraesident   Ff Foto   Dsc

Berlin (ba/vfz/pm) - Mit einer sehr eindrucksvollen Rede hat Bundespräsident Joachim Gauck die Woche der Umwelt 2012 im Park von Schloss Bellevue eröffnet. Der Bundespräsident forderte die Verantwortung aller Bürger ein. Ich bin zuversichtlich, dass sich die Erkenntnis durchsetzt: Nachhaltigkeit bedeutet nicht Beschränkung oder Verzicht, sondern Verantwortung und Vernunft. Die Menschheit, das menschliche Leben, jedes Leben kann sich auf dieser Erde nur im Einklang mit der Natur entfalten, nicht gegen sie, erklärte Joachim Gauck.


Woche Der Umwelt Im Schloss Bellevue  Ff Foto  Dsc

 

Bundespräsident eröffnete die Woche der Umwelt im Park von Schloss Bellevue

 

Berlin (ba/vfz/pm) - Bundespräsident Joachim Gauck eröffnete am Dienstagvormittag (5. Juni 2012, 11.00 Uhr) die vierte Woche der Umwelt im Park von Schloss Bellevue. Zu der Veranstaltung am 5. und 6. Juni 2012 waren rund 12.000 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien gekommen.

Gut 200 von einer Jury ausgewählte Vereine, Initiativen, Unternehmen und Forschungseinrichtungen präsentierten auf 4.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche ihre innovativen Projekte, umweltfreundlichen Technologien und Produkte. In 80 Gesprächsrunden wird über Schlüsselfragen der Klima- und Umweltschutzpolitik diskutierten, beispielsweise über Energieeffizienz, moderne Mobilität sowie umweltfreundliches Bauen und Wohnen.

Die Woche der Umwelt fand auf Einladung des Bundespräsidenten nach 2002, 2004 und 2007 zum vierten Mal statt. Kooperationspartner ist die Deutsche Bundesstiftung Umwelt.


Schloss Bellevue, 5. Juni 2012Änderungen vorbehalten. Es gilt das gesprochene Wort

 

 

Heute steht Ihnen der Park von Schloss Bellevue offen – voller Ideen und Visionen, voller zukunftsweisender Technologien und Projekte! Fast 200 Aussteller sind vertreten – aus der Wirtschaft, der Wissenschaft, aus Verbänden und Behörden, aus Stiftungen und natürlich auch aus der Politik. Mehr als doppelt so viele haben sich beworben, nur eine Auswahl konnte hier nach Bellevue eingeladen werden. Meinen Glückwunsch!

Mittlerweile hat die Woche der Umwelt Tradition. Es ist die vierte innerhalb von zehn Jahren, seit Bundespräsident Johannes Rau die großartige Idee zu dieser Veranstaltung erstmals umgesetzt hatte. Soweit ich weiß, gibt es in keinem anderen Land Vergleichbares.

Ich freue mich auf diese Woche der Umwelt, auf das, was hier erfahren, erlebt und diskutiert wird und ich danke der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, unserer Partnerin über all die Jahre für ihre Leistungen bei der Vorbereitung dieser zwei Tage. Herzlichen Dank auch an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die sich viel haben einfallen lassen, um ihre Ideen und Projekte hier zu präsentieren. Wenn Sie den Blick schweifen lassen, wissen Sie: Ihr Einsatz hat sich gelohnt.

Wir werden Sie alle brauchen: Wissenschaftlerinnen und Ingenieure, die umweltfreundlichere Produkte und Verfahren entwickeln. Unternehmen, die in solche Verfahren und Produkte investieren. Verantwortliche in Parlamenten, Behörden und Verbänden, die ökologisch und wirtschaftlich vernünftiger Politik den Weg bereiten. Und Bürgerinnen und Bürger, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und die ihre Möglichkeiten und ihre Freiheit nutzen. Ich habe erlebt, wie viele Kräfte Menschen erwachsen, wenn sie mit Überzeugung für ihre Ziele kämpfen und wie stark sie eine Gesellschaft verändern können.

Ja, wir brauchen jeden von Ihnen. Vor allem brauchen wir Sie alle zusammen. Darum wünsche ich mir diese Woche der Umwelt als einen Ort der Begegnung und der Debatte. Es darf gern, es soll sogar lebhaft debattiert werden bei den vielen Veranstaltungen hier auf der großen und auf der kleinen Bühne, in den Zelten im Park von Schloss Bellevue, auf den Symposien und in den Foren. Denn das ist unsere Stärke, die Stärke von Demokratie und Marktwirtschaft: der Wettstreit um den besten Weg, die Suche nach Alternativen.

Wie nötig das ist, sehen wir in diesen Tagen an den Diskussionen um die Energiewende. Ein ehrgeiziges Projekt, das sich Deutschland als führende Industrienation hier vorgenommen hat. Es wird uns nicht gelingen allein mit planwirtschaftlichen Verordnungen. Schon gar nicht mit einem Übermaß an Subventionen. Es kann uns aber gelingen mit überzeugenden Innovationen und im fairen Wettbewerb.

Ich bin überzeugt: Es gibt keinen besseren Nährboden für neue Ideen und Problemlösungen als eine offene Gesellschaft mit offenen Märkten und freiem Wettbewerb. Dringlich ist es, einen verlässlichen politischen Rahmen zu setzen und zwar so, dass Schädliches vermieden und Gewünschtes erreicht wird. Marktwirtschaftliche, wachstumsfreundliche Umweltpolitik heißt für mich, dass Kosten für Umweltbelastungen und Umweltrisiken den Verursachern in Rechung gestellt werden und nicht den Steuerzahlern. Und dass umweltfreundliche Produktion sich für Unternehmen im Wettbewerb auszahlt.

Umweltpolitik verursacht keine Kosten, sondern zeigt, warum wer wann welche Kosten trägt. – So hat es Klaus Töpfer einmal formuliert. Wir können nicht einfach sagen, na gut, dann lassen wir halt anschreiben, belasten wir eben unsere Enkelkinder. Eine solche Haltung wäre verantwortungslos.

Wie aber können wir in Zukunft gut leben und wirtschaften, ohne dafür große Mengen an fossilen Bodenschätzen zu verbrauchen? Wie vermeiden wir es, Böden, Atmosphäre und Meere zu vergiften, wie halten wir diese Ökosysteme intakt? Wie kann es uns gelingen, für heute sieben, bald acht oder gar neun Milliarden Menschen die Bedingungen für ein menschenwürdiges Leben zu schaffen?

Ende Juni schon wird beim Weltgipfel in Rio um eben diese Fragen gerungen. Hoffentlich erfolgreich! Denn Handeln ist mittlerweile sehr dringlich – lokal, national und auch global. Weltgipfel verändern die Welt zwar nicht von heute auf morgen. Aber dort werden Versprechen abgegeben, gemeinsame Versprechen. Versprechen, die die Messlatte für unser aller Handeln bilden.

Das ist wichtiger denn je. 20 Jahre ist es jetzt her, dass sich die Weltgemeinschaft in Rio auf das Prinzip der Nachhaltigkeit verständigt hat. Seither ist der globale Ausstoß an Kohlenstoffdioxid um rund die Hälfte angestiegen, er liegt so hoch wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Viele Wald- und Ackerböden sind erodiert, viele Tier- und Pflanzenarten sind bedroht. Führende Klimaforscher warnen, dass eine folgenschwere Erderwärmung kaum mehr zu bremsen ist. Das alles ist alarmierend.

Doch der Einsatz vieler Menschen hat auch einiges bewegt. In den vergangenen 20 Jahren hat sich manches zum Positiven entwickelt. Wir können heute mit deutlich weniger Material und Rohstoffen deutlich bessere Produkte herstellen. Zugleich stammt immer mehr Strom aus erneuerbaren Quellen. Und auch die Ozonschicht scheint sich langsam zu erholen, seit die Weltgemeinschaft sich darauf verständigt hat, die schädigenden Substanzen zu verbieten.

Einen weiteren kleinen, aber nicht unbedeutenden Schritt nach vorne hat die internationale Staatengemeinschaft Ende vergangenen Jahres in Durban beschlossen, nämlich sich endlich auf den Weg zu machen zu einem globalen Klimaabkommen ab dem Jahr 2020. Alle führenden Industrienationen in Europa und weltweit, alle müssen bereit sein, diesen Weg mitzugehen! Deutschland ebenso wie die USA, Japan, Kanada, China und Indien. Wer hier bremst, um sich einen kurzfristigen Vorteil zu verschaffen, schadet langfristig sich selbst und allen anderen.

Ich bin zuversichtlich, dass sich die Erkenntnis durchsetzt: Nachhaltigkeit bedeutet nicht Beschränkung oder Verzicht, sondern Verantwortung und Vernunft. Die Menschheit, das menschliche Leben, jedes Leben kann sich auf dieser Erde nur im Einklang mit der Natur entfalten, nicht gegen sie. Sonst zerstört es sich selbst. Langfristig ist deshalb auch ökonomisch nur sinnvoll, was ökologisch vernünftig ist.

Beim Gang durch den Park von Schloss Bellevue kann jeder erleben, wie viel Sinnvolles wir schon jetzt tun können. Ich habe mich schon vorab schlau machen können: Da werden zum Beispiel aus Klärschlamm wertvolle Nährstoffe gewonnen. Da werden Anlagen statt mit aggressiven Chemikalien mit gebündeltem Licht gesäubert. Da wird erforscht, wie mit hochwertigen Materialien unsere Stromnetze leistungsfähiger gemacht werden können.

All diese Innovationen und Investitionen werden neue Arbeitsplätze schaffen, sie werden unsere Umwelt und unsere Gesellschaft zukunftsfähiger und auch unabhängiger von fossilen Rohstoffen machen. Denn nichts ist günstiger als der Rohstoff, den man einspart – nichts billiger als die Energie, die man nicht braucht. Recycling, Wasseraufbereitung, Antriebstechnologien, auch in all dem sind deutsche Unternehmen weltweit führend. Unser Land wird wie kaum ein anderes auch wirtschaftlich davon profitieren, wenn es selbst an der Spitze des nachhaltigen Fortschritts bleibt.

Vielleicht fällt Ihnen auch beim Schlendern durch den Park und an den vielen Ständen noch Neues ein: Was noch könnten wir besser machen? Viele der hier bei der Woche der Umwelt ausgestellten Innovationen, Ideen und Projekte sind dann auch eine Frage an uns selbst: Was trägst Du bei? - Lassen Sie sich inspirieren! Ich eröffne nun die Woche der Umwelt!

 


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