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09.09.2011 RSS Feed

Commerzbank-Rohstoffanalyst Weinberg:

Finanzprofis geben die Richtung bei den Agrarpreisen vor

Erfurt (ba/vfz/DLG). An den Agrarmärkten geben nicht mehr Angebot und Nachfrage vor Ort, sondern international agierende Finanzprofis die Richtung bei den Preisen vor. Darauf hat Eugen Weinberg von der Commerzbank AG bei den Unternehmertagen der DLG (Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft) in Erfurt hingewiesen. Rein an Versorgungsbilanzen orientierte Kursprognosen stoßen damit an Grenzen, was ausgeklügelte Strategien zur Preisabsicherung unentbehrlich macht, erklärte der Rohstoffexperte am 7. September 2011 bei einer Podiumsdiskussion zu Märkten und Preisen, die traditionell den Abschluss der Unternehmertage bildet. Weinberg hat ausgerechnet, dass zwischen Aktien- und Weizenmarkt mittlerweile ein starker Preiszusammenhang besteht, die Korrelation beziffert der Chef-Rohstoffanalyst der Commerzbank auf 80 %. Ein Blick auf den DAX in Frankfurt lässt damit klare Rückschlüsse auf den Weizenpreis zu, so Weinberg.

Alle Boote steigen mit der Flut

Der Banker begründete die zunehmende Abhängigkeit der Agrarpreise von den Finanzmärkten mit dem Öffnen der Geldschleusen zur Abwendung einer globalen Rezession. Dadurch seien weltweit große Mengen an billigem Geld in die internationalen Aktien-, Devisen- und Rohstoffmärkte geflossen, die bei aufkommender Nervosität auch blitzschnell wieder abgezogen würden. Alle Boote steigen mit der Flut, so Weinberg.

 

Flüchtiges Kapital verursache in den vergleichsweise engen Agrarmärkten extreme Kursausschläge. Zwar habe sich die Anlagesumme in den Rohstoffmärkten in den letzten zehn Jahren von 10 Mrd. $ auf zuletzt 500 Mrd. $ verfünfzigfacht. Dies sei aber nur ein Bruchteil der 70 Billionen Dollar, die rund um den Globus allein in Aktien angelegt seien. Verstärkt würden Preisausschläge bei den Agrarcommodities dadurch, dass Finanzprofis Anlageentscheidungen häufig an charttechnischen Signalen ausrichteten. Nur mit dieser Orientierung an Trends sei erklärbar, warum Spekulanten 2010 selbst bei Preisen unter 130 Euro/t für Matif-Weizen noch auf der Verkäuferseite engagiert gewesen seien. Die im August durch den Exportstopp Russlands ausgelöste Aufwärtsbewegung sei auch deshalb so extrem ausgefallen, weil die zuvor auf der Verkaufsseite stehenden Spekulanten ihre Positionen durch massive Weizenkäufe glattstellen mussten.

Raps hat noch Luft nach oben

Anders als Weinberg sieht Tobias Kind von der Arbeitsgemeinschaft Qualitätsweizen in Unterfranken durchaus einen starken Einfluss fundamentaler Faktoren auf die Agrarpreise. Gemessen an den zuletzt gravierenden Kursverlusten bei vielen DAX-Unternehmen hätten Agrarrohstoffe nur verhältnismäßig geringe Abschläge hinnehmen müssen, gab Kind bei der Podiumsdiskussion zu bedenken. Dies lasse auf eine enge Versorgungslage am physischen Markt schließen. Nach dieser ersten Bewährungsprobe können die Agrarmärkte derzeit als stabil angesehen werden, so der Schluss des Praktikers. Beim Getreide sei bereits die Hälfte der Ernte 2011 per Vorkontrakt vermarktet worden, so dass man die weitere Marktentwicklung nun in Ruhe verfolgen könne. Bei den Rapspreisen hat Kind aufgrund der aktuellen Unterdeckung noch Luft nach oben ausgemacht. Wohin die Reise bei den Rapspreisen gehe, sei nicht nur vom Rohöl, sondern auch von der Einhaltung der Beimischungsverpflichtung sowie der noch verfügbaren freien Rapsmenge abhängig. Während der Hochpreisphase im Frühjahr seien große Rapsmengen über Vorkontrakte gebunden worden. Gleichzeitig habe der Handel die guten Preise genutzt, um seine Läger zu räumen. Verschärft werde die knappe Angebotssituation durch die in vielen europäischen Rapshochburgen mageren Ernten.

Verkaufen, wenn der Markt ruft

Jan Heinecke von der Magdeburger Getreide GmbH berichtete von sich derzeit ändernden Warenströmen innerhalb Europas. Zur Zeit läuft englischer Weizen auf Brake und Bremen, bei dem wir preislich nicht mithalten können, so der Erfasser. Ähnlich verhalte es sich beim Brotroggen: Trotz oder gerade wegen des festen Marktes kämen Importe aus Schweden auf den deutschen Markt. Beides zeige, wie schnell sich Warenströme bei hohen Preisen drehen könnten. Heinecke: Wenn ich eines in meinen ersten Tagen als Landhändler gelernt habe, dann dies, dass es immer richtig ist zu verkaufen, wenn der Markt ruft. Bei

der Gerste rechnet der Geschäftsführer durch den zunehmenden Angebotsdruck im Schwarzmeerraum mit fallenden Preisen. Wer noch Gerste hat, sollte sie besser jetzt als später vermarkten, so seine klare Empfehlung. Beim Weizen mache Deutschland im Export derzeit aufgrund zu hoher Preise keinen Stich, es würden ausschließlich Altkontrakte abgewickelt. Im Schwarzmeerraum stünden in der laufenden Kampagne 32 Mio. t Getreide für den Export bereit, wovon erst 6 Mio. t tatsächlich abgeflossen seien. Daher werde der Preisdruck garantiert nicht schon im November nachlassen.

Soja: Angebotsaussichten nicht überschäumend

Dr. Dietrich Schwier von der Deutschen Tiernahrung Cremer GmbH & Co. KG konnte den in die thüringische Landeshauptstadt gereisten Tierhaltern wenig Hoffnung auf sinkende Preise für Futtergetreide machen. Wir bleiben in einer stabilen Seitwärtsbewegung, so die Prognose des Geschäftsführers. Die Märkte könnten aber aus der neuen Ernte ordentlich versorgt werden. Bei den Eiweißträgern sei der Markt etwas enger. Die Angebotsaussichten in Nordamerika seien bei den Sojabohnen nicht überschäumend, was sich in steigenden Börsenpreisen niederschlage. Beim Rapsschrot sei die Versorgungslage angespannt. Könne das Angebotsdefizit nicht durch Zukäufe in Australien oder Kanada gedeckt werden, müsse beim Rapsschrot mit steigenden Preisen gerechnet werden.

Spekulanten geben Rätsel auf

Michael Gutting von der Saalemühle Alsleben GmbH betonte die Notwendigkeit funktionierender Agrarterminbörsen für die Preissicherung. Die Warenterminbörsen seien ein wichtiges Instrument zur Preissicherung im Einkauf und Verkauf. Wenn beispielsweise der Weizeneinkauf mit dem Mehlverkauf zeitlich nicht übereinstimmt, könnten die Warenterminbörsen diese Lücke schließen und damit das Preisrisiko minimieren. So könne die Mühle jederzeit als Rohstoffeinkäufer agieren. Gutting stellte auch klar, dass ein funktionierender Warenterminmarkt ein hohes Maß an Liquidität braucht, um jederzeit kaufen und verkaufen zu können. Gutting betonte, dass diese Liquidität an den Warenterminbörsen nur durch entsprechend hohe Umsätze erreicht wird und dass dazu auch branchenfremde Investoren mit ihren spekulativen Engagements notwendig sind. Allerdings stellte er klar, dass durch die Nervosität an den Finanzmärkten vielfacht Spekulanten in Agrarrohstoffengagements investieren, denen jeder Zusammenhang für die Märkte fehlt. Mangelnde Kenntnisse seien gefährlich im Börsenhandel, so ging er hart mit naiv an den Agrarterminmärkten agierenden Anlegern ins Gericht. Im Februar 2010 habe der Weizenpreis an der Matif in Paris unter 125 Euro/t gelegen, was in frachtfernen Regionen einem Erzeugerpreis von 90 Euro/t netto ab Hof entspreche. Trotzdem hätten viele Spekulanten auf weiter fallende Preise gesetzt. Das ist mir ein komplettes Rätsel, erklärte der Müller. Solche Zocker würden das von ihnen gehandelte Produkt nicht im

 

Ansatz kennen. Für Erzeugerpreise unter 100 Euro/t könne kein Landwirt einen ordentlichen Weizen anbauen. Gutting: Dann ist der Weizenanbau in Europa tot. Es könne nicht sein, dass die Spekulation völlig abgehoben von realen Notwendigkeiten laufe. In den kommenden Monaten rechnet Gutting durch das ausgeglichene Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage mit stabil seitwärts laufenden Weizenpreisen. Wir haben gute Qualitäten, bei etwas weniger Protein, ordentlichen Kleberwerten und Backeigenschaften". Im Einzugsbereich der Saalemühle hätten die Landwirte außerdem viel bessere Druschbedingungen als im Erntejahr 2010 gehabt, fasste Gutting die aktuelle Situation zusammen. Spannend werde das kommende Frühjahr. Bei hohen Matifnotierungen um 200 Euro/t würden in den Schwellenländern alle Produktionsreserven gehoben, was dann zeitverzögert auf die Weizenpreise in Europa drücken könnte. Im Endeffekt seien bei der Preisbildung noch immer Angebot und Nachfrage entscheidend – und nicht die Spekulanten an den Terminmärkten.

Versprittung treibt die Maispreise

Zusätzlich beschleunigt hat den Umbruch an den Rohstoffmärkten nach Einschätzung von Commerzbank-Analyst Weinberg die rasche Industrialisierung Chinas. Das Reich der Mitte habe sich als Agrarland verabschiedet, was eine steigende Importnachfrage bei Futter- und Lebensmitteln nach sich ziehe. Für die Herstellung einer Tonne Weizen für aktuell 300 $ seien auf beregneten Flächen 1.000 Tonnen Wasser notwendig, erläuterte Weinberg. Mit der gleichen Menge Wasser könnten Industrieprodukte im Wert von 10.000 $ hergestellt werden. Allein aus finanziellen Gründen setze Peking auf den Ausbau der Industrie und nehme dafür wachende Importe an Sojabohnen, Mais, Zucker und absehbar auch Weizen in Kauf. Da an Börsen Zukunftspreise gehandelt würden sei es kaum verwunderlich, dass die Sojanotierungen an der Welt-Leitbörse von Chicago kürzlich bei 15 Dollar pro Scheffel ein Dreijahreshoch markiert hätten. Als wichtigen Preistreiber bei Agrarcommodities hat Weinberg die zunehmende Biospritproduktion in den USA ausgemacht. Durch steigende Beimischungsquoten würden inzwischen 15 % der globalen Maisernte versprittet. Dies habe bisher kaum dämpfenden Einfluss auf die Rohölnotierungen, habe umgekehrt die Maispreise in den letzten Monaten aber kräftig befeuert.

 


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